| Juden in Deutschland, das Ende der Friedensbewegung und der
Kosovokonflikt:
„Die Bundeswehr hat mit der Wehrmacht nichts zu tun“
Von Rainer Meyer
Pfeifkonzert für den Alt-68er Daniel Cohn-Bendit, ein „Bürgerfunk“,
bei dem sich deutsche Moderatoren als „bessere Juden“ gerieren – der
Kosovo-Krieg hat in der Bundesrepublik völlig neue Konflikte
aufgeworfen. Die seit Adenauers Tagen gewachsene Beziehung zwischen
der linken Friedensbewegung und vielen Juden in Deutschland scheint
unwiederbringlich verloren. Vielerorts scheint unter alten
Weggefährten kein Dialog mehr möglich. So das Fazit unseres Autors
Rainer Meyer in München, der die Szene seit vielen Jahren aus
eigener Erfahrung kennt. Meyers heftiger Ton zeugt vom Ende einer
Epoche der Gewißheiten in Deutschland.
Daniel Cohn-Bendit, die Ikone der 68er, hat schon so manche Demo
mitgemacht. Das, was ihm vor zwei Wochen bei der Abschlußkundgebung
der Grünen zur Europawahl widerfuhr, dürfte ihm aber neu gewesen
sein. Bei seiner Rede wurde er von Gegnern des Kosovo-Krieges
niedergebrüllt – von denselben Leuten, die sich zuvor mit dem
Bundesaußenminister Joschka Fischer zumindest noch auf eine Debatte
einließen. Nur ein Schlaglicht – aber in den letzten Wochen hat sich
gezeigt, daß den Friedensbewegten nur jene Juden tolerieren, die
gegen den Krieg sind. Zumindest sollten sie Opfer der Shoah sein –
die kann man instrumentalisieren, um auf den politischen Gegner
einzuprügeln.
Die aufwallende Aggression gegen den „roten Dany“ ist nur ein
Symptom für die desolate Verfassung der Friedensbewegung nach dem
Bundeswehr-Einsatz auf dem Balkan. Eine Epoche ist zuende gegangen.
Seit der Wiederaufrüstungs-Debatte – nie wieder sollte von deutschem
Boden Krieg ausgehen – hatten sich viele Juden in der Bundesrepublik
stets auf der Seite linker Pazifisten gefunden. Dies war über
Jahrzehnte keine isolierte Postiton: Noch zu Zeiten des
NATO-Doppelbeschlusses Anfang der 80er Jahre waren Demonstrationen
gegen Rüstung und Militär Volkssport. Doch schon aus dem Golfkrieg
ging die Friedensbewegung neben Saddam Hussein als Verlierer vom
Platz. Zu einer Massenbewegung unter dem Motto „Kein Blut für Öl“
hatte es nicht mehr gereicht. In der Folge verkümmerten die
Ostermärsche zu Sektierertreffen, zum Gipfeltreffen der immer
gleichen Aktivisten, die der vergangenen Größe hinterhertrauerten.
Gegen die Balkankonflikte, immerhin die ersten europäischen Kriege
nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde zwar viel gemeckert aber so gut
wie nicht demonstriert. Angesichts der Massaker von Srebrenica und
Sarajevo wurde die Mitschuld der deutschen Außenpolitik reklamiert
und der UNO Untätigkeit vorgeworfen. Die Friedensbewegung gefiel
sich in einer Mischung aus Anklage, Besserwisserei und Utopien von
einem Multi-Kulti-Bosnien und war trotzdem irgendwo erleichtert, als
NATO-Bomber dem Krieg ein vorläufiges Ende setzten. Kein Wunder, daß
diese Friedensbewegung nach dem Bosnienkrieg nur noch eine
Spielwiese für kleine Grüppchen war.
Dabei hätte der Kosovo-Konflikt zu einer Wiedergeburt der Bewegung
werden können. Die Lehren aus der NS-Zeit ziehen, das wurde wieder
angemahnt. Nur: Deutsche Juden aller Coleur zogen diesmal ganz
andere Lehren als die Pazifisten. Der Vorsitzende des Zentralrats
der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, brachte es auf den Punkt:
Deutschland ist Mitglied der NATO und dort eingebunden. Die
Bundeswehr ist eine neue Armee, die mit der Wehrmacht nichts zu tun
hat. Der Schriftsteller Stefan Heym, der für die sozialistische PDS
im Bundestag saß, verwies auf die Parallelen zwischen heute und der
Krise um die Tschechoslowakei 1938: Hätte man damals Deutschland
gestoppt, hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Wie fast
überall auf der Welt, befürworteten auch die meisten deutschen Juden
das Vorgehen der NATO.
Eine Haltung, mit der Pazifisten offensichtlich nicht leben können.
Gerade die Shoah ist für sie die Hauptlegitimation, die historische
Begründung für ihr Engagement. Die Friedensbewegung hat aus dem
Nationalsozialismus gelernt, und sie hat ihres Erachtens die einzig
richtigen Schlußfolgerungen gezogen. Juden, die anderer Meinung
sind, stören da nur. In den Resten der Friedensbewegung, in den
Diskussionszirkeln, Homepages, Zeitschriften und Radios der Szene
haben sich vier Strategien zum Umgang mit renitenten Juden
herausgebildet.
1. Zu Beginn des Krieges noch weit verbreitet: Ungläubiges Staunen,
gepaart mit penetrantem Nachfragen. Als der Shoah-Überlebende Max
Mannheimer von einer Moderatorin zum Kosovo-Konflikt befragt wurde,
zeigte er Verständnis für die NATO. Die Moderatorin war hörbar um
Fassung bemüht, als sie immer wieder – vergebens – versuchte,
Mannheimer Worte gegen den Krieg zu entlocken. Eine Parallele zum
deutschen Überfall auf Serbien 1941 wollte er einfach nicht sehen.
Schließlich brach die Dame unwirsch ab. Kein Einzelfall: Viele
konnten einfach nicht verstehen, daß Juden an eine
Wandlungsfähigkeit der Deutschen glaubten.
2. Vielleicht ist dieser Glaube auch übertrieben, denn die zweite
Strategie zeigt, daß den Friedensbewegten die Opfer der Shoah
allemal lieber sind als Juden mit einer eigenen Meinung. Besonders
bei den Grünen wurde um die deutsche Geschichte gestritten, und
Kriegsgegner wie -befürworter bemühten Auschwitz. Daß dabei die von
Linken so viel beschworene Unvergleichbarkeit konterkariert wurde,
störte niemanden. Nicht ohne Ironien: Als Wortführer der
Antikriegsfraktion etablierte sich ausgerechnet Christian Ströbele.
Ströbele ist der Grünenpolitiker, der sich während des Golfkriegs
vehement gegen deutsche Bodenluftraketen für Israel stark gemacht
hatte. Die Shoah ist dagegen ein nützliches Vehikel, ein wunderbares
Totschlagargument – und die Toten können sich nicht mehr wehren.
3. Damit sich die lebenden Juden nicht wehren, werden sie gerade aus
linken Zirkeln gerne auf ihre eigene Schuld verwiesen. Das Kosovo
wird gerne mit der Westbank verglichen, und mit hämischem Grinsen
wird die Frage gestellt, wann die NATO endlich Tel Aviv bombardiert.
Deutsche Linke dürfen das, weil sie per definitionem links und also
nicht antisemitisch sind und also aus der Geschichte gelernt haben
und also ehrlich und damit die Guten sind. Zumindest besser als die
Israelis, die dieser Logik zufolge mindestens genauso schlimm wie
die Serben sind. Folglich müssten Juden, die für den Kosovo-Einsatz
sind, auch für einen Krieg gegen Israel sein. Wenn sie es nicht
sind, sind sie ungerecht und deshalb nicht zur Teilnahme am Diskurs
befähigt.
Und daß die Hauptschuldige am Kosovo-Krieg die jüdisch-stämmige
Madelaine Albright ist, wissen nicht nur überzeugte Pazifisten,
sondern auch Spiegel-Herausgeber Augstein.
4. Die Apotheose des Irrsinns: Weil es für Pazifisten
augenscheinlich kein besseres Argument als den Juden gibt und sich
nun keiner der Friedensbewegung zur Verfügung stellen will, muß man
sich eben selbst einen Juden machen. Kein Witz: Ein sogenannter
Bürgerfunk in München richtete ein jüdisches Magazin mit dem Namen
Maimonides ein, und zwar gänzlich ohne Juden. Statt dessen gab eine
deutsche, nichtjüdische Moderatorin Kommentare zum Kosovokrieg ab
und verwahrte sich gegen den Mißbrauch von Auschwitz für den ihres
Erachtens völkerrechtswidrigen NATO-Angriffskrieg. Offensichtlich
gibt es Deutsche, die sich für die besseren Juden halten. Aber im
Krieg sind bekanntlich alle Mittel erlaubt.
Im Krieg sind auch jene, die von Frieden reden. Im linken Magazin
Kalaschnikow wird Stefan Heym belehrt, daß München 1938 und
Rambouillet 1999 problemlos vergleichbar sind: In beiden Fällen
liegt angeblich deutsche Kriegstreiberei vor. Ähnlich argumentieren
die PDS und der linke Flügel der Grünen.
Auf dem Kirchentag in Stuttgart zeigten christliche
Friedensinitiativen Bilder der Shoah, um die Grausamkeiten des
Krieges darzustellen. Daß nebenan die evangelische Judenmission
ihren Stand aufgeschlagen hatte, war da nur konsequent.
Es gibt noch andere Angriffe auf Juden: Sie seien undankbar, weil
die Serben die Juden gerettet haben – ein Argument mit einer
ähnlichen inneren Logik wie die vielgehörte Äußerung, daß man gegen
ein Volk wie die Serben keinen Frieden herbeibomben könnte. Und das
von Leuten, die ihre Existenz als Pazifisten allein den alliierten
Waffen verdanken.
Ob die Bomben etwas Grundsätzliches an ihren Einstellungen zu Juden
geändert haben, darf allerdings durchaus bezweifelt wereden. Den
Ex-Studentenführer Cohn-Bendit, den US-Army-Veteranen Stefan Heym
und den Überlebenden der Shoah will man nicht mehr sehen. Sie stören
mit ihren Argumenten, mit ihren Vergleichen, ihrer Erinnerung. Aber
nachdem man weiss, wie der Jude zu sein hat, ernennt man sich selbst
zum Rächer der Toten oder erschafft den Juden nach eigener Facon.
Die lange Beziehung zwischen Juden und der friedensbewegten Linken
wurde einseitig aufgekündigt.
Nun, diese Linke hat ohnehin nicht mehr viel zu bieten:
Beschimpfungen, Diskussionsverweigerung, rassistisch angehauchte
Argumentationen und ein politischer Ansatz gegenüber Mördern, der
nur mit dem Wort Appeasement umschrieben werden kann. Die
Friedensideologie droht zu einem neuen Totalitarismus zu werden, der
nichts akzeptiert, was ihm widerspricht. Geistig ist man längst
wieder bei den Strukturen angekommen, die zu beseitigen man
ausgezogen war. Und wer ein guter Jude ist, bestimmen sie. | |